Nessi von Bad Zwischenahn

Ein riesengroßer Fisch machte 1979 Schlagzeilen in aller Welt- und Bad Zwischenahn bekannt.

In uralter Zeit gab es mitten im Zwischenahner Meer eine Insel, auf der ein prunkvolles Schloss gebaut war. Hier residierte der Junker Alwin, ein bärtiger Hüne mit rotblondem Haar und edlem Gemüt. Seine größte Leidenschaft war neben dem Fischen das „Frollein von Oldenburg“. Die aber war dem Zaren versprochen, und obwohl sie genauso tiefe Zuneigung zu Alwin empfand, musste sie im Alter von 21 Jahren an den Hof nach Petersburg ziehen, um an der Seite ihres Gatten zu leben.
In der Nacht des Abschieds schwor der enttäuschte Junker seiner Liebsten ewige Treue und dass er nie im Leben wieder seine Insel verlassen werde. In den folgenden Jahren voller Einsamkeit und Gram vollzog sich an der Statur des Junkers eine seltsame Veränderung, und in einer apokalyptischen Gewitternacht genau fünf Jahre nach der leidvollen Trennung hatte er sich in einen großen Wels verwandelt.
Unter Donner und Blitzen versank gurgelnd die ganze Insel samt Schloss in den Fluten des tobenden Zwischenahner Meeres. Als am Morgen danach die Septembersonne wieder schien, konnten die stau-nenden Fischer nur noch ein silbernes Funkeln tief am Meeresboden ausmachen. Wenn jetzt sich nachts der Mond besonders rund im See spiegelt, gleitet ein uralter großer Wels mit rotem Bart laut- und scheinbar ziellos an der Oberfläche seines Reiches dahin. An heißen Sommertagen schläft im Pa-last der Tiefe nicht Monster oder Fisch, sondern die treue Seele aus tausendundeiner Vollmondnacht.

Dass es Welse im Zwischenahner Meer gibt, ist unbestritten. Fischerei-Experten schließen nicht aus, dass die Tiere unter optimalen Bedingungen eine Größe von bis zu 3,50 Metern erreichen können. Sie werden sehr alt (vermutlich 60 bis 80 Jahre) und wachsen bis zu ihrem Tod. Zweimal wurden im vergangenen Jahrhundert Welse im Meer ausgesetzt: 1938 und 1975. Nahrung gibt es für sie reichlich. In der meterdicken Schlammschicht finden die Fische massenhaft Weißfische und Kleingetier.

Wasserschutzpolizist Peter Grünke befand sich mit einem Kollegen auf einer Testfahrt, als er zunächst einen ungewöhnlichen Wellenschlag bemerkte. Dann war eine Rückenflosse zu sehen. Als das Boot sich näherte, tauchte der Fisch ab. Das habe, so Grünke, einen großen Strudel verursacht. Das Tier soll rund 3,50 Meter lang gewesen sein. Anhand der Größe und der Beschreibung schloss man sofort auf einen Wels. Aus einer kleinen Notiz im Bordbuch wurde ein Zeitungsbericht. Dann interessierten sich die Boulevard-Blätter für die Geschichte. Die Schlagzeilen überboten sich täglich, und als die (unwahre) Geschichte mit dem Dackel ans Licht kam, wurde sogar die Weltpresse auf Bad Zwischenahn aufmerksam.

Der Wels wurde mit dem berühmten Ungeheuer von Loch Ness und auch mit Moby Dick verglichen. Hunderte Angler bevölkerten das Ufer des Meeres, um die hohe Fangprämie zu kassieren. Doch keiner bekam den Riesenwels auch nur zu sehen. Er war wieder abgetaucht.

Erst 1998 wurde er erneut gesichtet. Hobbytaucher Hubert Peus war dabei, Eisenstangen vor dem Steg des Seehotels Fährhaus zu entfernen, als er etwas Großes im trüben Wasser sah. Er dachte zunächst an einen Baumstamm. Doch als er sich näherte, schwamm der mutmaßliche „Baumstamm“ weg. Der Fisch habe eine Größe von zirka 2,50 Meter gehabt, schätzte Peus. Zehn Tage später traf er den Wels ein zweites Mal. Da hatte er aber eine Kamera dabei und fotografierte den Riesen-Fisch. Dieses erzeugte abermals die Aufmerksamkeit von Presse, Funk und Fernsehen.

Das alles ist lange her und doch nicht vergessen. Wer sich einen ungeheuren Eindruck des Welses machen möchte, kann sich von dem bronzenen Abbild auf dem Marktplatz überraschen lassen.